…und nun mal auswendig…

„Wie kann ich das Stück auswendig lernen?“ Zugegeben, diese Frage höre ich ehrlich gesagt nie. Egal, wie individuell das Lernen sonst stattfindet, beim Auswendiglernen treffe ich meist auf zwei Haupt-Herangehensweisen. Die einen spielen sowieso auswendig, ob die Noten nun da stehen oder nicht. Die anderen wollen sich nicht von den Noten lösen, trauen es sich nicht zu, auswendig zu spielen.

Diese Unterschiede haben etwas damit zu tun, wie wir unsere Sinne beim Klavierlernen benutzen -da hat jeder seine Affinitäten und Vorlieben- und wie sich das Klavierspiel- Gedächtnis  in Zusammenhang mit diesem individuellen Sinnesgebrauch entwickelt.

Wenn man ein Stück mit Noten, ob man nun hineinguckt oder nicht, schon ganz gut spielen kann, lohnt es sich, die Noten geöffnet auf einen Stuhl neben das Klavier zu legen, so dass man sie bequem lesen kann, ohne die Hände vom Klavier zu lösen.

Die Noten neben dem Klavier geben den Noten-Lesern die nötige Sicherheit. Ich fordere sie auf zu versuchen, ohne Noten zu spielen, aber wenn sie nicht weiterkommen, können sie über den bewussten Blick in die Noten auf dem Stuhl leicht den Anschluss finden. Das ist sozusagen Auswendiglernen mit Sicherheitsnetz. Oft sind sie erstaunt, wieviel besser sie das Stück schon im Kopf haben, als sie vorher dachten. Gleichzeitig wird eine Gedächtnisart, die sie nicht so nutzen, gefördert, nämlich das Tastenbild-Gedächtnis. Für die, die den Blick normalerweise in den Noten haben, kann es am Anfang ein bisschen irritierend sein, plötzlich die eigenen Finger die ganze Zeit vor sich zu sehen, aber keine Sorge, das gibt sich! (Übergangsweise kann es helfen, die Augen zu schließen, denn damit wird die Ablenkung ausgeschaltet, dafür aber sofort das Greifen und das Greifgedächtnis aktiviert, und das ist bei den Noten-Lesern, die ja gewohnheitsmäßig den Blick in den Noten und damit nicht fürs Greifen zur Verfügung haben, gut ausgebildet.)

Nach meinen Erfahrungen unterschätzen diejenigen, die gerne, gut und am liebsten nur nach Noten spielen, ihre Fähigkeiten, auswendig zu spielen. Mit den Noten neben dem Klavier haben sie die Möglichkeit zu einem Realitätsabgleich.

Genau diesen Realitätsabgleich gibt es aber auch für diejenigen, die eher schon von vornherein auswendig spielen. Wenn ich vorschlage, das Stück auswendig zu lernen, sagen sie meist, dass sie es schon können, weil sie ja tatsächlich kaum oder gar nicht in die Noten gucken. Trotzdem haben aber auch die Auswendig-Spieler meistens die Noten vor sich stehen.

Bei Schülern, die sehr schnell und früh auswendig lernen, passiert dies meist „automatisch“, ohne großes Bewusstsein. Dieser Automatismus ist aber anfällig für Störungen. Ein anderes Klavier,  andere haptische und auditive Rückmeldungen oder auch nur die Anwesenheit des Lehrers und damit verbundene Nervosität können diesen Automatismus, der auf Fluss beruht, Bewegungsfluss, Fluss der Musik, empfindlich stören. Es sind die Schüler, die zu Hause das Stück fehlerfrei durchspielen, diesen Zustand im Unterricht aber nicht mehr herstellen können. Die Lösung heißt für sie nicht Störungen vermeiden, sondern unabhängiger werden von Störungen und Veränderungen und zwar durch mehr Bewusstsein.

Die Noten neben dem Klavier bedeuten zunächst schonmal eine Veränderung des Gewohnten. Es werden wahrscheinlich Unsicherheiten entstehen und das ist gut so, weil sie neue Orientierung und Bewusstheit fordern. Ein Schüler, der immer mit Noten auf dem Pult auswendig gespielt hat, wird irritiert sein, wenn sie nicht mehr da stehen und aus dieser Irritation heraus Fehler machen und vielleicht sogar hängen bleiben und nicht weiter wissen. Ich versuche, ihn darin zu unterstützen, die damit verbundenen unangenehmen Gefühle von Unsicherheit zu akzeptieren -das ist gar nicht so einfach, wenn man sich vorher schon sicher gefühlt hat- und sie als einen Zwischenschritt in der Entwicklung zu größerer Sicherheit zu betrachten. Ich fordere ihn auf, quasi einen Radar für unsichere Stellen zu entwickeln und sie mit den Noten neben dem Klavier direkt und ohne großen Aufwand zu klären. So hat der Auswendig-Spieler,  der gern unbewusst  bleibt, die Möglichkeit,  sich in dem Stück zu verorten und zu wissen, was er tut. Die Disziplin aufzubringen, nicht über den Spielfluss zu üben, sondern ihn sogar kurz zu unterbrechen, in die Noten zu sehen, die entsprechende Stelle zu finden, sich dort zu orientieren, sie sich wieder neu zu erklären, ist nicht ohne, aber es lohnt sich!

Das bevorzugte Gedächtnis der Auswendig-Spieler, nämlich Hören, Bewegungsgedächtnis und Tastenbild, wird um die Identifizierung und Versprachlichung ergänzt. Das führt zu einer bewussten Verankerung dessen, was auf einer niedrigeren Bewusstheitsebene sowieso schon läuft, also letztendlich zu mehr Sicherheit und das sogar in ungewohnten Situationen.

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