Das Unterrichten in den Zeiten der Corona



ES B ES B D B

Fröhliches Signal

Tonika Dominante Tonika auf kleinsten Tonraum eingekocht
Es B Es B D B in Wiederholung: Beginn Spannung Auflösung= Beginn Spannung Auflösung, begleitet vom bangen Warten, ob die Verbindung zustande kommt. Dann endet das Signal, ich höre Geräusche, Stimmen, die nicht aus meiner Wohnung kommen, wackelig entsteht ein Bild und das Gesicht einer SchülerIn taucht auf.

Das ist heute, drei Monate nach dem Shutdown die erste Erinnerung, wenn ich an das erste Unterrichten über Skype denke; die Freude, wenn wieder ein liebes Gesicht auftaucht, vielleicht auch ein neues, jemand mehr, den ich wieder ins Schülerboot holen kann. Die Freude, den Virus, das Kontaktverbot, die Einschränkung, vielleicht auch die eigene Angst wie überlistet zu haben. Sich auf dieser Insel, dieser Plattform im Orbit treffen können.
Normalerweise sehe ich die Schüler beim Reinkommen, dann am Klavier mehr von der Seite, oft bin ich konzentriert auf die Wahrnehmung von Haltung und Bewegungen. Nun darf ich ihre Gesichter betrachten.

Der 13. März war in Niedersachsen der Tag, an dem die Schließung der Schulen bis nach den Osterferien beschlossen wurde, zufällig auch mein Geburtstag und für mich der einschneidendste Tag in der Corona- Historie, der, an dem mir klar wurde, dass es nicht so weiterging wie bisher. Die Unsicherheit war groß. Ich sagte meinen Geburtstagskaffee für den nächsten Tag ab. Am Montag und Dienstag der folgenden Woche unterrichtete ich noch einzelne Schüler mit unruhigem Gefühl hier zu Hause, in den folgenden Tagen begann ich, den gesamten Unterricht auf Online umzustellen. Natürlich gab es eine Menge technischer Probleme gepaart mit geringem Sachverstand, dafür aber großer Ungeduld meinerseits. Der Retter war wie so oft mein Mann, Informatiker und natürlich Technik-affin, der sich der Probleme und meines alten MacBooks mit großer Geduld annahm und abends sogar über Teamviewer auf den noch älteren Computern einzelner Schüler Skype, Google Duo u.ä. einrichtete.
Der Lautsprecher meines Macs war trotzdem schnell überfordert und beklagte sich durch Scheppern und Zittern. Sprachwiedergabe ging noch, Klavierklang war unterirdisch oder besser- wie unter Wasser. Bluetooth und Wiedergabe über Verstärker und Boxen machten das Ganze dann erträglicher. Am fittesten in der Situation waren ganz klar die Handy- und Interneterprobten Jugendlichen. Apps wurde in Minutenschnelle heruntergeladen und installiert, alles takko.
Da mit Ausfall der Schule alle viel Zeit hatten, aber auch, weil ich anfangs 45 Minuten mit den noch immer zumindest gewöhnungsbedürftigen Bild- und Toneindrücken (letztere leider auch zeitweise um Sekunden versetzt) kaum sinnvoll nutzen konnte, bot ich kürzere Einheiten, dafür mehrmals die Woche an, eine Art Übebetreuung. Das wurde gut angenommen, so dass, als die Osterferien begannen, drei Viertel der Schüler wieder mit Unterricht versorgt waren.

Schon in dieser Anfangszeit, als vorrangig wichtig war, das Online- Unterrichten überhaupt hinzukriegen, einerseits technisch, aber auch insofern, als die Schüler und auch ich selber zuerst einmal überzeugt werden mussten, dass es auf diese Weise Sinn machte, konnte ich schon einige interessante Beobachtungen machen:
Die Klangqualität war natürlich weiterhin eingeschränkt und nicht mit dem Live- Eindruck zu vergleichen, Töne und Rhythmus konnte ich klar hören, aber schon was den Spielfluss betraf, konnte ich mir, wenn er hakte, nicht sicher sein, ob es der Schüler war, der gerade stockte oder die Übertragung. Legato, Staccato, Phrasierungen, Pedalgebrauch etc. waren oft schwierig zu erkennen und damit zu bewerten. Gerade die Wirkung des rechten Pedals hört sich auf vielen Klavieren ohnehin unterschiedlich an, nun hatte ich es mit lauter verschiedenen Klavieren und Flügeln zu tun, die ich nun zum ersten Mal und dann in der Verzerrung der Übertragung hörte. Teilweise orientierte ich mich mehr über die Augen als über die Ohren. Wenn Klang und Bild wieder einmal versetzt ankamen, musste ich lernen, nur zu gucken oder nur zu hören. Anderen Klavierlehrern schien es ähnlich zu gehen. „Anyone else worried about fingering when lessons go back to “normal?” 😱😱 fand ich in einer Pianoteacher- Gruppe bei Facebook.
Als günstig erwies sich, die Handykamera meist links neben den Tasten so zu positionieren, dass ich die Hände, den größten Teil der Klaviatur, Oberkörper des Schülers und die Bewegung des rechten Oberschenkels sehen konnte. Wenn die klangliche Übertragung schlecht war, konnte ich so über die Bewegungen auf die Qualität des Staccatos oder den richtigen Zeitpunkt des Pedalwechsels schließen. Eine Schülerin baute ein Stativ, mit dem sie das Handy über ihrem Kopf justieren und mir einen Blick von oben auf Hände, Tasten und Noten ermöglichen konnte, mit dem ich ihre Umsetzung der anspruchsvollen Stimmführung einer Bach- Allemande so genau beobachtete, wie es im Präsenzunterricht glatt nicht möglich gewesen wäre.
Aber das waren dann schon die umgesetzten Erfahrungen. Gerade in den ersten zehn Tagen konnte ich zunächst nur ungenauer sein. Normalerweise muss ich mich selber am Anfang der Stunde daran erinnern, die Schüler zuerst mal spielen zu lassen, ihnen zu ermöglichen, an meinem Klavier anzukommen und sich spielend zu gewöhnen und zu orientieren, was für mich bedeutet, Fehler zuerst mal einfach stehen zu lassen. Der mir eigentlich gemäßere Impuls, (den ich oft unterdrücke), ist eher, gleich auch auf Artikulation, Phrasierung, Klang, Pedal einzugehen und zu korrigieren. Ich liebe es, an ein paar Takten gründlich zu arbeiten. Zuerst mal nur die Töne und dann der Rhythmus, egal wie`s klingt- das war noch nie mein Ding. Meine Detailfreude ist für die Schüler bestimmt manchmal nervig, aber auch bequem, weil ich ja im Unterricht alles mit ihnen übe.
In der neuen Situation verlagerte sich der Schwerpunkt viel mehr auf Noten, Töne, Rhythmus; das führte dazu, dass viel mehr Noten „gefressen“ wurden und der „Rohbau“ von Stücken viel schneller erstellt wurde. Dass das auch was für sich hat, erstaunte mich selbst am meisten. 😉
Dabei wurde immer ziemlich schnell klar, wer einfach zu wenig geübt hatte, um sinnvoll damit arbeiten zu können. Manche Stunden beendeten wir schon nach zwanzig Minuten, weil die SchülerIn es selber vorzog, lieber noch mal zu üben und mir später in der Woche noch einmal vorzuspielen. Zeitlich waren wir ja alle flexibel. 🙂 Auch die Möglichkeit, Videos zu schicken, erwies sich als günstig, weil man auf diese Weise leichter Zwischenziele („Schick mir doch bis Freitag ein Video von Takt 18 – 36…“) setzen konnte.
Die größeren Anforderungen an Selbständigkeit und -verantwortung der Schüler zeigten sich auch an anderer Stelle. Ich spielte weniger vor, ließ die Schüler Probleme beschreiben, fragte viel nach, musste mehr mit Worten erklären, anleiten. Es fand also auch eine andere Verlagerung statt, nämlich zu mehr Abstraktion und Versprachlichung, Bewusstsein und Verstehen. Ein Detail war, dass die Schüler nun ihre Aufgabenhefte selber führen mussten.
Für mich selber war die Situation auch eine große Übung in Annehmen, Gleichmut und Flexibilität. Jeder Schüler ging natürlich unterschiedlich mit der veränderten Situation um, manchen lag die mehr analytische Herangehensweise, anderen fehlte der persönliche Kontakt, gerade als dann nach den Ferien das homeschooling begann, verlor der Online-Klavierunterricht klar an Exotik, manches ging auch einfach umständlicher und dauerte länger. Meine Leitlinie „Umgehen mit dem was ist“ bekam neue Aktualität.

Als sich die Schulen nach den Osterferien langsam wieder öffneten, begann ich auch nach und nach wieder den Unterricht hier zu Hause. Durch die günstige Situation des Einzelunterrichts mit Abstand in einem relativ großen Raum war es früh möglich, nach Augenmaß zu entscheiden. Viele Anfragen von Eltern für ihre Kinder, aber auch von älteren Schülern zeigten, dass die allermeisten zurück in den Präsenzunterricht wollten. Die direkte Wahrnehmung und Resonanz in Klang und Beziehung ist einfach nicht zu ersetzen. Trotzdem würde ich sagen, dass wir alle im Onlineunterricht Kompetenzen erworben haben, die auch weiterhin nützlich sind, zumal durch das Abstandhalten noch immer mehr Erklären als Zeigen stattfindet.

Die Sorge um die Fingersätze hat sich übrigens nicht bestätigt, aber ich bin gespannt auf die Aufgabenhefte!

Ein Kommentar zu „Das Unterrichten in den Zeiten der Corona

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